Es gibt keinen Gott

Man konnte die Aufregung in der Luft spüren, als wir uns endlich von den engen Sicherheitsgurten losschnallen konnten. Trotz 22 Stunden in Flugzeugen und Flughafenterminals gab es keine Spur von Müdigkeit. Voller Vorfreude verließen wir das Flugzeug, passierten die Visakontrolle und holten unsere Rucksäcke ab. Zwei Lehrer und über ein Dutzend Schüler aus Freiberg standen nun etwas unbeholfen vor dem Flughafen. „Namaste“, rief uns Raj, ein Freund aus Nepal, entgegen, als er uns entdeckte. Es ist die übliche Begrüßung im religiösen Nepal und bedeutet: „Ich grüße den Gott in Dir!“ Wir waren angekommen. Vor uns lagen nun drei unvergessliche Wochen.

Nach einem kurzen Aufenthalt in Katmandu und Pokhara, einer Touristenstadt im Herzen Nepals, folgte eine zehntägige Trekkingtour im Annapurnagebiet. Gemeinsam mit unseren holländischen Freunden wanderten wir täglich durch Berge und Täler und konnten dabei einiges von dem genießen, was die nepalesische Natur zu bieten hat. Morgens beim Sonnenaufgang betrachteten wir die Berge, wie sie nacheinander von der Sonne wachgeküsst wurden. Einmal gesellte sich sogar ein Yak dazu, der mit seiner Herde in der Nähe der Lodge nächtigte.

Beim trekken stieß der eine oder andere an seine Grenzen. Doch wir motivierten uns immer wieder gegenseitig und so besiegte die Freude auf die neuen Eindrücke hinter dem nächsten Berg stets die Erschöpfung. Das Durchhalten zahlte sich aus, denn es sind nicht nur die Naturschönheiten, sondern vor allem die Menschen, die dieses Land so einzigartig machen. Abends wurde uns von den Bewohnern oft Rakshi, ein selbstgemachter Hirse-Schnaps, angeboten, den wir – fast immer – ablehnten. Nach den zehn Tagen waren wir aber erst einmal geschafft, sodass es zurück nach Katmandu ging.

Nun stand der Höhepunkt der Reise bevor, der Besuch unseres Partnerdorfes Gati. Das Dorf liegt am Berghang, der Weg dahin ist ziemlich steil und erschöpfend. Doch bereits auf halber Strecke kamen uns die ersten Bewohner entgegen, die es kaum erwarten konnten, uns die Rucksäcke abzunehmen. Im Dorf selbst wurden wir mit einer kleinen Zeremonie empfangen. Blumenketten, Tücher mit heiligen Symbolen und ein Segenspunkt Tika für jeden fehlten dabei natürlich nicht.

Die Schülerfirma hat in den Jahren zuvor einiges in Gati erreicht. Es wurden eine Schule renoviert und erweitert, ein Kindergarten gebaut und für beide Einrichtungen der Großteil der Personalkosten übernommen. In der Kali Devi Secondary School machen sogar Schüler aus umliegenden Dörfern ihren Schulabschluss. Bei unserer Reise wurde das zehnjährige Bestehen dieser Partnerschaft gefeiert, zudem fand in dieser Zeit das Lichterfest statt. So konnten wir die nepalesische Kultur in ihrer Mannigfaltigkeit hautnah erleben. Wir sangen nepalesische spirituelle Lieder, während kleine Opfergaben an die Götter gesegnet wurden. Danach tanzten wir sogar zum Fliegerlied.

An all das habe ich gedacht, als ich die Eilmeldung im Fernsehen sah. Bilder von zerstörten Tempeln in Katmandu, Tempel, die ich vor zwei Jahren selbst besucht habe. Dazu die Ungewissheit über unsere Freunde in Gati. Eine Kommunikation war unmöglich, da das Erdbeben die Infrastruktur massiv beschädigte. Dann erreichte uns die Hiobsbotschaft. In Gati sind fast alle Gebäude zerstört. Der Gedanke, dass die letzten Jahre in der Schülerfirma umsonst waren, machte sich in unseren Köpfen breit. Die Schule gab es nicht mehr, die Häuser, in denen wir übernachteten wahrscheinlich auch nicht. Die kurze Nachricht endete mit: „Es gibt keinen Gott.“ Da dachte ich an die Tempel und Gebetsmühlen, die spirituellen Rituale und Gebetsfahnen und mir wurde klar, dass ein Nepali diesen Satz nicht leichtfertig über die Lippen bringen könnte.

Aber trotzdem war all das, kein Grund für uns aufzugeben. Nach dem wir uns wieder gefasst hatten, hat unsere Arbeit erst so richtig begonnen! Wir schmiedeten Pläne, und überlegten wir unseren Freunden in Nepal am besten helfen können. Am Sonntag wird ein Benefizkonzert stattfinden, ganz Freiberg ist aktiv uns zu unterstützen und natürlich haben wir ein Spendenkonto angelegt. Deswegen seid auch ihr dabei. (Infos: http://nepalfreiberg.de/cms/index.php)

Frederike Horn, Vorstandsmitglied
Maroš Fenik, Landesdelegierter