JuOrgs (2) – Bildung für alle. Selbstbestimmt, inklusiv und ohne soziale Ausgrenzung.

Der LandesSchülerRat Sachsen steht auch in regelmäßigen Kontakt mit den Organisationen im Ring politischer Jugend (RPJ) e.V. – doch wie positionieren sie sich zur Bildungspolitik? Heute geht es weiter mit Tilman Loos von der linksjugend [’solid] Sachsen.

Bildungspolitik also. Nun gut. Die Anfrage lief in etwa unter dem Titel „Was habt ihr denn da so für Beschlüsse?“. Nun ist der Punkt, dass Beschlüsse und Programme für eine Debatte innerhalb eines Jugendverbandes (oder auch einer Partei) manchmal wichtig sind, sonst aber in der Regel wirklich keine Sau interessieren. Zumindest fast keine Sau. In diesem Beitrag soll es also eher darum gehen, was sich die linksjugend [’solid] Sachsen in etwa unter einer progressiven Bildungspolitik vorstellt und was unsere – auch grundsätzliche – Kritik am aktuellen Bildungssystem ist.

Wenn wir über Bildung sprechen, müssen wir zunächst eine Vorstellung davon haben, was wir meinen, wenn wir „Bildung“ sagen. Diese Frage ist nicht banal, da sich der Inhalt des Bildungsbegriffs über die Jahrhunderte entwickelt hat. Einer der wesentlichen historischen Umschlagpunkte war der Wechsel hin zur Subjektivität: nach dem Bildung also keine erzieherische Macht von Außen ist, sondern der Prozess sich diejenigen Handwerkszeuge und Methoden anzueignen, die für die Entfaltung der eigenen Person relevant sind. Gleichwohl war die gesellschaftlich organisierte Bildung in Schulen und anderen „Bildungseinrichtungen“ stark auf Wissensvermittlung und Lernen beschränkt und darüber hinaus noch viele Jahrzehnte auch oft untrennbar mit psychischer und physischer Gewalt verknüpft. Die physische Gewalt seitens der Lehrer_innen ist aus den Schulen mittlerweile verschwunden. Psychischer Druck jedoch – und zwar auch abseits von Mobbing unter den den Schüler_innen – ist nach wie vor virulent. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Wendung zur Subjektivität nie wirklich konsequent vollzogen worden ist. Die Selbstentfaltung würde, konsequent als Maß gesetzt, Vergleichbarkeit schwer machen. Nun sind Vergleichbarkeit und Leistungsdruck jedoch das wesentliche Element unseres Schulsystems. Schulen werden gegliedert nach sogenannten „leistungsstarken“ und „leistungsschwachen“ Schüler_innen. In den Schulen selbst sind Noten dann das Instrument der Vergleichbarkeit und zwischen den Schulen läuft ebenfalls ein Bewertungswettbewerb um möglichst gutes Abschneiden bei den bundesweiten und europäischen Vergleichstests. Des Pudels Kern bei diesem Vergleichs- und Leistungsmarathon ist, dass die Vergleichbarkeit eben nicht in der „Natur der Sache“ liegt sondern mittels Druck erst hergestellt werden muss. Es wird also „verglichen“ im doppelten Sinne: einerseits ist der Vergleich ein rein empirischer Akt der Analyse und andererseits ist er jedoch auch Vergleichung, der durch die Setzung und Anwesndung von Normen auch aktiv auf das Gleichmachen der Ungleichen, nämlich der verschiedenen Individuen, abzielt. Persönliche Bedürfnisse und Interessen werden in diesem Prozess zum Leidwesen vieler der Betroffenen unsanft eingeebnet.

An dieser Stelle des Beitrag ist vorstellbar, dass einige mit den Augen rollen, sich am Kopf kratzen und sich fragen: „Diese Linken, sind das nicht die, die immer alles gleich machen wollen im Bildungsbereich? Und jetzt reden die hier von den Schlechtigkeiten des Gleichmachens, da stimmt doch was nicht!“. Lasst uns das deshalb an dieser Stelle klarstellen: einer emanzipatorischen Bildungspolitik muss es wie oben dargelegt darum gehen, die Selbstentfaltung der Einzelnen und damit die Einzelnen Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Dies wird jedoch durch unser Bildungssystem unterlaufen. Die Unterschiede (in der „Leistungsfähigkeit“) von Schüler_innen, die von konservativen und wirtschaftsliberalen Positionen immer wieder als naturgegebener Unterschied der einzelnen Schüler_innen dargestellt wird, lässt die Reproduktion sozialer Ausgrenzung unter den Tisch fallen.

Diese Reproduktion des Sozialen meint, dass im Bildungsbereich die Teilhabe und „Erfolgsaussichten“ der Einzelnen ganz wesentlich von ihrer sozialen Herkunft abhängt. Das meint, dass die Schüler_innen der „höheren“ Schulen stark überproportional aus Elternhäusern oder Milieus stammen, die finanziell oder bildungsökonomisch überdurchschnittlich privilegiert ist. Das stellen übrigens nicht nur uns politische möglicherweise nahestehende Verbände wie die Bildungsgewerkschaft GEW, sondern beispielsweise auch die Shell Jugendstudie, die OECD und sogar die Unternehmensberater_innen von McKinsey fest. Der enormen Abhängigkeit von sozialer und ökonomischer Herkunft kann in der Schule muss jedoch bereits vorher begegnet werden. Nicht alle Elternhäuser können ihre Kinder gleichermaßen bilden und fördern. Hier ist gesellschaftliche Verantwortung gefragt, damit Kinder früh dazu befähigt werden, tolerant und sozial gegenüber anderen zu sein und zu handeln. Uns ist daher wichtig, dass den Kindern aller Familien kostenfreier und bedingungsloser Zugang zu Bildung ab dem KiTa-Alter gewährt wird. Dazu zählen für uns zum Beispiel der kostenfreie KiTa-Besuch, die Abschaffung des gegliederten Schulwesens und die individuelle Förderung aller Schüler_innen in einer Schule für alle, eine kostenfreie Mittagsversorgung in KiTa und Schule und ein beitragsfreies Schüler_innen-Ticket.

Schule muss sich an die Stärken, Schwächen und Neigungen der Schüler_innen anpassen – und nicht anders herum. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, fordern wir die Rücknahme der Oberstufenreform an den Gymnasien, welche die Entscheidungsmöglichkeiten der Schüler_innen weiter eingeschränkt und das Kurssystem quasi abgeschafft hat. Alternativ fordern wir Wahlmöglichkeiten in Form eines Kurssystems in den ersten Schuljahren in anderer Form.

Die Schule der Zukunft ist die Schule der Schüler_innen. Dies gelingt aber nur durch Mitbestimmung. Deshalb streben wir die radikale Demokratisierung aller Bildungseinrichtungen und die Abschaffung der bestehenden autoritären Strukturen an. Demokratie an Schulen heißt für uns nicht nur Mit-Wirkung, sondern vor allem aktives Mit-Gestalten, das heißt: Schüler_innen und Lehrer_innen fällen gemeinsam Entscheidungen.
Das Schulplenum als Versammlung aller Schüler_innen und Lehrer_innen ist dabei das höchste beschlussfassende Gremium einer Schule. Hier sollen Schüler_innen und Lehrer_innen gemeinsam mehr Gestaltungsmöglichkeiten und Schulautonomie erhalten.
Jeder Schüler und jede Schülerin ist verschieden und kann deshalb in kein einheitliches Messsystem gepresst werden. Hier lehnen wir die Bewertung durch Noten ab, Noten sind nur Druckmittel, es geht dabei gar nicht um Lernen und Entwicklung. Stattdessen treten wir ein für alternative Entwicklungshilfen wie Lernentwicklungsberichte oder das Portfolioprinzip.* (* = Schüler_innenleistungen werden in einer Mappe unkommentiert zusammengestellt. Auf diese Weise entsteht ein Eindruck in Begabungen und Fähigkeiten, ohne Vergleichbarkeit herstellen zu wollen. )

Wichtig sind uns außerdem umfassende Barrierefreiheit und die flächendeckende inklusive Einrichtung der Schulen und Kindergärten. Bildung kann und soll zudem die vorgegebenen Geschlechterrollen aufbrechen und in Frage stellen. Nur so verhindern wir die Ungleichberechtigung der Geschlechter und die Fortschreibung der Unterdrückung Einzelner innerhalb ihrer Rolle auch im Bildungswesen.
Wir lehnen private und kirchliche Träger von Schulen ab, die zu kommerziellen oder religiösen Zwecken eigene Schulen betreiben. Freie Schulen, die alternative Lernkonzepte und eine mündige Auffassung gegenüber der Gesellschaft vermitteln, sehen wir als Motoren der öffentlichen Schulen und Alternativen zum derzeitigen Schulsystem; langfristig jedoch wollen wir eine freie Schule für alle, in der die Schüler_innen selbst ihre Lerninhalte bestimmen können. Wir folgen außerdem dem Grundsatz der Trennung von Staat und Kirche und fordern die Abschaffung des Religionsunterrichts in den Schulen und stattdessen die Einführung eines umfassenden philosophisch-ethischen Lernangebotes für alle, das Bildung über die verschiedenen Religionen mit einschließt.

Diese alternativen Schulmodelle sollen finanziell so ausgestattet werden, dass sie kein Schulgeld erheben müssen und somit keine Schüler_innen aus wirtschaftlichen Gründen ausgeschlossen werden können.

Bildung ist für uns ein Schlüssel zu Selbstermächtigung und gemeinsamer Gestaltung der Gesellschaft. Für uns ist die Schule keine Paukanstalt, sondern ein Ort, an dem jede_r in seiner/ihrer eigenen Entwicklung unterstützt wird.

Tilman Loos
Jugendpolitischer Sprecher DIE LINKE. Sachsen

für die linksjugend [’solid] Sachsen
www.linksjugend-sachsen.de

Die Texte geben die Meinung des jeweiligen Autors wieder und nicht die des LandesSchülerRates Sachsens.

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