Bulimie-Lernen? Nein danke. Kommentar eines sächsischen Vaters

Wir haben eine Mail eines Vaters erhalten, der seine Meinung zum sächsischen Bildungssystem aufgeschrieben hat. Das Schreiben war ursprünglich an die Verantwortlichen im Kultusministerium und der Sächsischen Bildungsagentur gerichtet. Wir finden: Gut auf den Punkt gebracht!

Sie erreicht mit dieser Mail die Anmerkung eines besorgten Vaters, der Vater von drei Töchtern ist. Eine Tochter hat im vergangenen Jahr das Abitur abgelegt und studiert. Zwei Töchter besuchen die siebte und die neunte Jahrgangsstufe eines sächsischen Gymnasiums.

Mit wachsendem Unverständnis müssen meine Frau und ich wiederholt feststellen, dass der lehrplangestützte Unterrichtsstoff Anforderungen stellt, die von Schülern nicht mehr ohne Schaden zu bewältigen sind. Unsere Töchter sind gute bis sehr gute Schülerinnen, eigeninitiativ, wissbegierig und grundsätzlich lernfreudig. Sie wachsen in einem offenen und bildungsnahen Klima auf und gehen ihren Interessen in Musik und Theater mit Leidenschaft nach. Aufforderungen zur Hausaufgabenerledigung sind bei ihnen entbehrlich. Wir beobachten jedoch, dass der Unterrichtsstoff nur dann zu bewältigen ist, wenn der ohnehin schon knapp bemessene Freiraum genutzt wird, um Hausaufgaben zu erledigen, komplexe Arbeiten zu erstellen, Referate vorzubereiten. Dies geht erkennbar zu Lasten von Familienleben und jenen Freiräumen, die jugendliche Heranwachsende benötigen, um soziale Interaktion einzuüben, Umwege zu gehen, sich auszuprobieren.

In dieser Wahrnehmung werden wir gestützt durch Beobachtungen von anderen Eltern, die über psychische Auffälligkeiten, Unruhe, Schlafstörungen, Konzentrationsverlust, Schulversagensangst und zunehmend auch über depressive Verstimmungen bei ihren Kindern berichten – und das in einem besorgniserregenden Umfang. Wer sich die Lehrpläne im Freistaat Sachsen anschaut und einen stichprobenartigen Vergleich mit Lehrplänen anderer Bundesländer vornimmt, kommt zu dem Ergebnis, dass Sachsen Spitzenanforderungen an seine Schüler stellt.

Ich will Ihnen ganz undiplomatisch und in aller Offenheit sagen: Diese Lehrplanüberfrachtung, die Schülern am Ende der Sekundarstufe I in methodischer und fachlicher Hinsicht Kenntnisse abverlangt, die eigentlich in ein akademisches Studium gehören, macht die Kinder krank! Es wird mit einem “seelenlosen” Fakten- und Detailwissen nicht nur für den Moment und die nächste Klassenarbeit gelernt, sondern es wird den Kindern dadurch sozialer und familiärer Freiraum vorenthalten, und besonders schlimm: Es wird die Freude am Lernen und die experimentelle Neugier, die Motor menschlicher Entwicklung war und ist, genommen.

Das Jugendarbeitsschutzgesetz verlangt eine jugendamtliche Zustimmung, wollen unsere Kinder nur 20 Minuten auf der Theaterbühne mitwirken. Weitgehend kritiklos wird hingegen akzeptiert, dass unsere Kinder mit Unterrichtsstunden, Hausaufgaben, Sonderaktionen und schulischen Vorbereitungsaktivitäten auf eine Wochenarbeitszeitbelastung von deutlich (!) über 40 Stunden kommen.

Erinnern Sie sich noch an die gewerkschaftliche Forderung aus den 50er Jahren der alten Bundesrepublik: Am Samstag gehört der Papi mir! Angesichts der aktuellen Verhältnisse ein frommer Wunsch, nicht weil der Papi heute am Samstag arbeitet, sondern sein Kind arbeiten muss. Viele Lehrer erwarten, dass die unterrichtsfreie Zeit in den Ferien genutzt wird, um beispielsweise Referate vorzubereiten (“Ihr hattet doch Zeit genug.”). Unsere Kinder haben schon ohne Hausaufgaben einen sieben- bis achtstündigen “Arbeitstag” ohne Sonderaufgaben, da ist es geradezu unvermeidlich, das Wochenende auch dann zu nutzen, wenn von Freitag auf Montag keine Hausaufgaben erteilt wurden.

Im Arbeitsleben von uns Erwachsenen wird gerne von Work-Life-Balance gesprochen. Schüler haben heutzutage nur eingeschränkt hierzu die Möglichkeit. Unsere Töchter spielen Instrumente und brennen für ihre Theaterleidenschaft. Hier wird effektiver und vernetzter gelernt für: das musikalisch-ästhetische Empfinden; den sprachlichen und gestischen Ausdruck; das Soziale im Umgang untereinander; den psychologisch reifenden Blick auf die Abgründe, aber auch Höhen menschlicher Existenz; die historischen Kenntnisse zum Geschehen auf der Bühne.

Zu umfassend gebildeten Schülern gehört eben auch die Möglichkeit, sich auszuprobieren, Umwege zu gehen. Wann sollen sie das machen. Wenn sie Berufsanfänger sind und sich das erste Kind vielleicht schon ankündigt?

Es bleibt im Ergebnis: Die sächsische Schulpolitik orientiert sich an einer Überbetonung der MINT-Fächer und an einer stillschweigend akzeptierten Ökonomisierung der Lehrpläne (“Wir bilden Schüler, die später im Beruf erfolgreich sein können?”).

Es gibt generell in Sachsen eine geringere Wertschätzung für Musik, Sport, Kunst, Reli, Ethik – allen gegenlautenden Beteuerungen zum Trotz! Für mich steht unumstößlich fest, dass nur ein Ausbau der “weichen” Fächer Sozialisationsdefizite in den Herkunftsfamilien auffangen kann, um so den empathischen Blick auf den Notleidenden zu schärfen und Brandanschläge auf Flüchtlingsheime zu verhindern. Dieser Blick wird nicht geschult durch die Kenntnis einer hochkomplexen Chemieformel oder der Ausbuchstabierung des Terzquintseptakkords.

Hier fällt mir ein Diktum des vormaligen Richters am Bundesverfassungsgericht, Udo di Fabio, ein, der da sinngemäß sagte: Wir erleben einen Bedeutungsverlust der intermediären Kräfte und einen Bedeutungszuwachs der Zweckrationalismen bürokratischer und wirtschaftlicher Denkweisen.

Diese Zweckrationalismen haben etwas Selbstimmunisierendes, Selbstreferentielles. Also: Die Zusammenhänge und Grundbedürfnisse, der “Sitz im Leben”, werden nicht mehr erkannt, die Inselverantwortlichen verabsolutieren ihren Verantwortungsbereich.

Das erklärt auch die sprachlich geradezu aufgeblasenen Lehrpläne bereits für die Sekundarstufe I, die sich eher wie die Rahmenanweisung für ein universitäres Proseminar lesen als dass sie den konkreten Lebens- und Erfahrungshorizont von zwölf- bis vierzehnjährigen Kindern zum Bezugspunkt machen.

In einem Leserbrief, den ich in Reaktion auf eine erschreckende Interviewäußerung von Ministerin Kurth verfasste und den ich Ihnen hiermit zur Kenntnis gebe, hatte ich bereits im vergangenen Jahr meiner Befürchtung Ausdruck verliehen, dass die schleichende Ökonomisierung von Bildungsplänen nicht mehr einem universalen Bildungsanspruch und seiner Selbstzweckhaftigkeit Rechnung trägt, sondern den Anforderungen von Wirtschaft und Verwertbarkeit.

Spitz formuliert: Nehmen Sie als Bildungsverantwortliche die Warnrufe von Jugend- und Kinderpsychiatrie zur Kenntnis, die von einer Dauerüberforderung von Schülern ausgehen?

Meine Frau und ich sind leistungsorientiert, unsere Bildungsgänge sind akademisch geprägt, wir sind keine Querulanten, keine notorischen Besserwisser, wir können es auch einmal hinnehmen – Irren ist menschlich –, dass unsere Kinder nach unseren Maßstäben ungerecht behandelt werden, wir kämpfen nicht um eine 2 statt einer 3. Wofür wir kämpfen, das sind unsere Kinder!

Und hier greift unsere verfassungsrechtlich garantierte elterliche Fürsorge- und Erziehungspflicht und die anderer Eltern. Wir können es nicht mehr hinnehmen, dass aufgeblasene Lehrpläne Wissensfortschritt, Neugier, Persönlichkeitsentwicklung und Experimentierlust zerstören und zugleich noch die Kinder ihren Eltern entziehen. Bei allem Respekt vor staatlicher Bildungsplanung und verfassungsrechtlicher Schulpflicht: Unsere Kinder lassen wir uns nicht nehmen. Pflege und Erziehung sind die uns als Eltern zuvörderst obliegende Pflicht (Artikel 6 Absatz 2 Grundgesetz). Diesem höchsten normativen Auftrag können wir jedoch nur gerecht werden, wenn uns die staatliche Bildungsplanung hierzu die nötigen Freiräume lässt. Wir haben einen Anspruch darauf.

Kommen Sie mit der Elternschaft ins Gespräch! Formale demokratische Beteiligungsformen wie aktuell zur Novellierung des sächsischen Schulgesetzes sind wünschenswert, benötigen jedoch in der Kultus- und Bildungsverwaltung aufmerksame und lernbereite Zuhörer.

Mir ist bewusst, dass viele von Ihnen beim Lesen dieser Anmerkungen spontan eine reservierte bis ablehnende Haltung einnehmen werden. Ich kann das verstehen, darf Sie dennoch bitten, über meine Kritikpunkte nachzudenken, sind sie doch nicht Ausdruck spontanen Unmutes, sondern eines erfahrungsgesättigten Blicks auf die Realitäten.

Martin Döring

Hinweis: Bislang hat noch kein Verantwortlicher aus dem Kultusministerium auf diese Mail reagiert. Warum wohl?

Online-Petition: Kindeswohl contra Schulstress in Sachsen. Bulimie-Lernen? Nein danke!

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